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India 2009


Reisetagebuch - Etappe 15 : Delhi

„Die Geschichte des Weißen, der nach Indien ging … und blieb“

Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht…
Etwa so: ich hätte Gandhi gefunden, irgendwo, versteckt in einem Ashram, als Bootsfahrer in Benares, als Reinkarnation eines jungen Aktivisten der Kongresspartei in Delhi… das wäre DER Coup für einen Journalisten gewesen… an den ich niemals wirklich geglaubt habe.
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Denn… seit der ersten Etappe meiner Reise hat man mir die Orte gezeigt, an denen er getötet und verbrannt wurde… es war von vornherein klar, dass ich ihn nicht treffen würde…
Gandhi ist tot… und ich wusste, dass er auch auf meiner Reise nicht wieder auferstehen würde. Obwohl ich einige Menschen getroffen habe, die versuchen, in ihrem Alltag nach seinen Prinzipien zu leben.

Ekta Parishad Orissa

Schon wieder dieser Kerl… verfolge ich ihn oder er mich?

Wie also soll ich meine Reiseberichte würdig beschließen?
Zuerst hatte ich gehofft, einen abgebrühten Unternehmer zu treffen, der mir sagt, Gandhis Ideologie sei überholt und schade der Weiterentwicklung des Landes. Vielleicht gibt es Unternehmer, die so denken, aber das würden sie vor einer Kamera nie zugeben. Weniger aus Furcht, eine Ikone zu beschmutzen, als aus einfachem Zeitmangel.
Diese Leute haben anderes zu tun, als über Gandhi zu reden…
Mal ehrlich, wer, außer mir, spricht denn überhaupt noch von Gandhi?
Das moderne Indien hat Gandhi vergessen…

Was?! Die Spuren, die ich drei Monate lang zu verfolgen glaubte, sind also nur Einbildung?
Ja, wenn ich sie Schritt für Schritt gegangen wäre.
Nein, weil ich Gandhis Spuren nicht blind gefolgt bin.
Gandhis Spuren waren nur ein Vorwand, um zahlreichen Menschen auf meinen Weg zu begegnen.
Auf meiner Reise wollte ich nichts beweisen. Ich habe nur versucht, Menschen vorzustellen, deren Alltag ein wenig das Leben im heutigen Indien widerspiegelt.

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Meine Reise auf den Spuren Gandhis war nicht umsonst, wenn meine Berichte und Reportagen gezeigt haben, dass Indien mehr ist als: die bunten Kulissen der Filme aus Bollywood, die düsteren Szenen aus „Slumdog millionaire“, das Leben in den Elendsvierteln der Großstädte, die Einkaufstempel der neuen Städte, der Eifer der Pilger am Ganges, die Kaufsucht der städtischen Mittelschicht, das Leben eines Unternehmers in Kalkutta oder das eines Rikscha-Fahrers in Patna… nein, Indien ist nicht nur das, was ich gesehen habe, denn ich habe zu wenig gesehen und das, was ich gesehen habe, war zu kurz…
Indien ist nicht nur das… aber es ist auch all das…
Indien wird man niemals ganz verstehen, Indien fordert einen immer wieder heraus, weil es man es nicht verstehen kann…
Ich brauchte also noch eine Geschichte, um sicher zu sein, dass ich nichts verstanden hatte…

Das war die Geschichte von Pascal.
Pasal habe ich vor zwei Jahren in Delhi kennen gelernt.
Er war gerade nach Indien gekommen… nachdem er Paris und seine Arbeit als Erzieher dort verlassen und seine Wohnung verkauft hatte. Er wollte in Indien eine Weltreise beginnen, eine Reise ohne Rückkehr…
Doch die kaum begonnene Weltreise endete in Indien… und daran waren Kinder schuld… Straßenkinder…
Als er in den Straßen Indiens über eines von ihnen stolpert, beschloss er, ihnen zu helfen. Er hat die Qual der Wahl… allein in Delhi gibt es 100.000 Straßenkinder…

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Pascal Fautrat

Als Pascal und ich uns verabschieden, bleibt er zurück – mit seinen klaren humanitären Zielen. Ich ziehe weiter, mit meinen mehr oder weniger klaren journalistischen Zielen.
Zwei Jahre lang haben wir uns aus den Augen verloren…
Zwei Jahre später bin ich mehr oder weniger Journalist und höre von einem Franzosen, der in Delhi ein Heim für Straßenkinder gegründet hat.
Kein anderer als Pascal!
Seit einem Jahr nimmt das Heim „Chaya“ im Süden von Delhi 16 Kinder im Alter von 4 bis 17 Jahren auf. 16 Kinder, nicht mehr… damit die Betreuer jedem dieser Jungen gerecht werden können. Denn deren Ausbildung beschränkt sich nicht allein auf die Schule, die viele die Älteren nach vielen Jahren Unterbrechung nun wieder besuchen.

Die Kinder sollen nicht mehr nur erleiden, wie sie es jahrelang getan haben, sondern selbst handeln… das ist das Ziel von Pascal, der unterstützt wird von Shariq, einem jungen Sozialarbeiter und einem Team aus etwa 20 Ehrenamtlichen – aus Indien und dem Westen – die jeden Nachmittag nach der Schule Kurse in Englisch, Französisch, Geschichte, Geographie, Mathematik anbieten, oder die Kinder in kreative Bereiche wie Video oder Fotografie einweisen.

Sir! Sir! hört man immer wieder im Heim.
So nennen die Jungs in „Chaya“ Pascal. Denn „ich bin“, wie er betont, „nicht ihr Vater“. Das wissen sie auch… obwohl zwischen „Sir Pascal“ und seinen Jungs eine ganz enge Verbindung besteht.
Wie ein Vater, der er nicht ist, will Pascal nur das Beste für seine Kinder. Und er will beweisen, dass ehemalige Straßenkinder in der Lage sind, zu lernen, dass sie es bis zur Universität schaffen, dass sie Ärzte werden können oder, nach seinem Vorbild, Sozialarbeiter.

Foyer Chaya

“Die Betreiber von Chaya glauben, dass Straßenkinder auch eine andere Zukunft haben können, als die Schule mit 18 zu beenden, um Gemüseverkäufer oder Wachmann in einem Geschäft zu werden. Viele andere Hilfsorganisationen glauben das leider nicht. Sie gehen davon aus, dass ihre Arbeit beendet ist, wenn die Kinder das 18. Lebensjahr erreicht haben und dass sie nun alleine zurecht kommen.
Wir wollen, so sagt man uns bei Chaya, dass die Kinder die besten Schulen besuchen. Das ist wichtig für sie selbst, aber auch, um den anderen zu beweisen, dass auch sie dazu fähig sind.”
Foyer Chaya


Am Tag nach meinem Besuch sagt mir Pascal, dass die Kinder des Heims eine Aufnahmeprüfung für die „Sanskriti school“, einer angesehenen Privatschule, machen würden. Er weiß, dass es nicht alle Kinder schaffen werden, er hofft auf drei oder vier. Aber allein die Tatsache, dass ehemalige Straßenkinder diese Aufnahmeprüfung machen können, ist ein erster Beweis dafür, dass diese Jungs es weit bringen können. Und die Mädchen? Haben auch sie eine Chance? Warum sind keine Mädchen in Chaya?
“Wir mussten irgendwo anfangen, erklärt Pascal. Wir haben mit einem Heim für Jungs begonnen, aber wir möchten weitere Häuser in Delhi eröffnen, einige davon für Mädchen.”

Foyer Chaya

Shariq. Sozialarbeiter bei Chaya

Aber dafür, auch das weiß Pascal, braucht es Geld, das er momentan nicht hat. Tag für Tag ist er unterwegs, auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Shariq kümmert sich währenddessen um die Kinder im Heim.
Das jährliche Budget des Heims beträgt 50.000 Euro. 20 Prozent werden über die Fördergelder für die 16 Jungen gedeckt.
Und die restlichen 80 Prozent?… die stammen aus dem Verkauf von Pascals Wohnung in Paris. Irgendwann werden diese Mittel erschöpft sein.
Deshalb sucht Pascal eine langfristige Unterstützung durch eine Unternehmen oder eine Stiftung… und private Spender. Denn er braucht eine gesunde finanzielle Basis, um Chaya weiter entwickeln zu können. Mehr als 15 Kinder wird das Heim aber nicht aufnehmen, nur so ist eine individuelle und adäquate Betreuung gewährleistet.

Und Pascal? Er lebt hier für die anderen, aber denkt er dabei auch an sich? Das tut er Tag für Tag, denn die Arbeit mit den Kindern ist für ihn kein Opfer, sie ist zu seinem Lebensmittelpunkt geworden.

Foyer Chaya

Während meiner dreimonatigen Reise habe ich immer wieder Menschen getroffen, deren Sinn des Lebens darin besteht, für etwas zu oder jemanden zu kämpfen: für den Schutz des Ganges, für die Rechte der Landlosen in Orissa, für die Kinder in den Elendsvierteln von Kalkutta, für die Agariya in Gujarat, für die Straßenkinder in Delhi…
Pascal, Sita, Pankti, Vishori, Bhadra… sie alle führen ihren Kampf unter schwierigen Bedingungen. Aber während ich meinen Blog abschließe und meine Tasche für die Rückkehr packe, denke ich an die Worte von Ritwik, Sozialarbeiter in Kalkutta:
Foyer Chaya

“Natürlich hat Indien viele Probleme, es wäre lächerlich, dies leugnen zu wollen. Aber im Laufe seiner Geschichte ist es diesem Land gelungen, sich von den Engländern zu befreien, von den Mongolen, den Afghanen und vielen weiteren Besatzern. Da wird es ihm doch auch gelingen, sich von seinen aktuellen Problemen zu befreien.”
Ich nehme ein wenig von diesem indischen Optimismus mit nach Hause.
Optimismus braucht man überall, nicht wahr?
Auch in Frankreich und Deutschland.

Wenn Sie Chaya unterstützen wollen:
Chaya France
14, rue Richard Wagner
78670 Villennes-sur-Seine
www.tarafrance.org

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7 Kommentare zu „„Die Geschichte des Weißen, der nach Indien ging … und blieb““

  1. MARTIN

    Bonjour Pascal, je suis un petit cousin de ta maman (coté Ménard). Ton reportage m’a beaucoup ému. Je te souhaite d’avoir le courage necessaire pour poursuivre l’oeuvre que tu as entrpris, Merci

  2. ARTE

    Vous trouverez les coordonnées mail de Pascal sur le site de Chaya :
    http://www.chayafrance.org/2008/11/nous-contacter.html

  3. Ich liebe mein Indien

    namaste,
    great impressions, full of love for children. i love my india

  4. Fautrat Dominio

    Bonjour Pascal,
    Un petit bonjour de Normandie, Eliane m’a envoyé le lien du reportage d’Arte, je te fais tous mes compliments et t’envoie plein de courage pour la suite. J’espère venir visiter Chaya un de ces jours et pourquoi pas t’apporter un peu d’aide…
    Je t’embrasse bien fort
    Ta vieille Tante Domino.

  5. Marie de Bruxelles

    J’ai eu la chance et le privilège de rencontrer par hasard Pascal sur la toile internet. Après plusieurs contacts, nous avons rassembler 40kg de choses qui manquaient aux garçons et nous avons concrétiser notre rencontre à Delhi lors de notre énième voyage en Inde en avril 2009.
    Nous avons hélas passé trop peu de temps avec Pascal et les enfants mais avons quand même pris le temps d’emmener les 6 plus grands à la piscine olympique.
    Une première grande expérience pour les garçons !
    Depuis, nous aidons financièrement la maison et vous encourageons à en faire autant.
    Petite précision, le site Web et le nom de la maison ont changé :
    http://www.tarafrance.org/

  6. LEBLON

    Bonjour Pascal,

    J’avais vu un reportage sur ARTE sur les enfants en Inde et ces endroits où on les recueillait en les faisant mendier du matin au soir et j’ avais ressenti un grand sentiment d’injustice pour ces enfants.

    Je t’ai enfin retrouvé après maints messages que je t’avais envoyés sur ta messagerie. Maintenant je comprend ton silence.

    Je savais déjà que tu étais parti en Inde. Maintenant je peux te parler.

    Je te souhaite d’être heureux.

    Si tu es de passage en France, viens nous voir !

    Edwige Leblon

  7. Adrien M.

    bravo pour ton trvail pascal. et bonjour au etudiants de l ex chaya.
    un benevole ki a mis d la couleu avec les enfants sur les murs de leus foyer… avec les illustrations de l ami vincent.