Der Gott der Butter und der Ventilatoren
Ich bin noch immer Kalkutta und hier, bei der 12. Station meiner Reise, stelle ich fest, dass ich bisher vergessen habe, über ihn zu schreiben…
Vielleicht verdient er auch nicht mehr, als diesen „12. Platz“? Vielleicht hätte er Besseres verdient? Vielleicht sollte man über ihn einfach schweigen, so wie er selbst immer schweigt? Aber in Indien kommt man nicht um ihn herum…
Um wen? Um Gott, natürlich…
Kalkutta ist ein passender Ort, um über ihn – oder sie – zu sprechen. Denn Kalkutta ist die Stadt von Kali, Göttin des Todes und der Zerstörung, die wirklich alles andere als freundlich aussieht mit ihrer Kette aus Menschenschädeln, ihrer blutroten Zunge und der Bestimmtheit, mit der sie auf den Menschen herumtrampelt. Wenn Gott im Paradies so aussieht, sollte man das ewige Leben besser in der Hölle verbringen…
In Kalkutta wird man, wie überall in Indien, immer und überall mit Gott und den Gesetzen der Gläubigen konfrontiert… seien sie Hindus, Moslems, Sikhs, Christen oder Buddhisten. Kein Viertel ohne Tempel, kein Haus ohne Altar, kein Bus ohne Heiligenbilder. Der „republikanische Laizismus französischer Prägung“ ist für einen Inder absolut unverständlich, fast schon eine Beleidigung gegenüber „Gott, dem Schöpfer“, dessen Platz bei uns auf die Tiefen der Kirchen und unserer Gewissen beschränkt ist.
Dass ein Inder sich öffentlich als Atheist bekennt, ist eher selten… höchstens im privaten Gespräch mit jemanden aus dem Westen – der für den indische Gesprächspartner zwangsläufig ein Ungläubiger oder zumindest Agnostiker ist. Die jungen Hindus – 80% der Inder sind Hindus, 13% Moslems, 2 bis 3% Sikhs, 2 bis 3% Christen und nur 0,5% Buddhisten – und das, in dem Land, in dem der historische Buddha in Bodhgaya im Bundesstaat Bihar unter einer Pappel-Feige, auch Buddhabaum genannt, die Erleuchtung erlangte – also: die jungen Hindus frequentieren die Tempel zwar nicht so regelmäßig wie ihre Eltern, Indien bleibt aber trotzdem ein tief religiös geprägtes Land.
„Gott ist das Wichtigste, egal, ob er existiert oder nicht.“
Ein Aphorismus von Gandhi? Nein, von Jean d’Ormesson… jetzt ist es mir tatsächlich gelungen, den französischen Schriftsteller Jean d’Ormesson zu zitieren! Vielleicht war das am Anfang meiner Reise meine persönliche Herausforderung: auf den Spuren Gandhis wird es mir gelingen, d’Ormesson zu zitieren. Gandhi ist tot, d’Ormesson lebt, also lassen wir ihn doch zu Wort kommen.
Wenn Gott so wichtig ist, dann reden wir doch von ihm, oder besser: hören wir denen zu, die über ihn reden:
- Glaubst du an Gott, Olivier (Olivier, das bin ich, falls Sie es vergessen haben….)
- Um an ihn zu glauben, müsste ich ihn erst einmal treffen, aber ich habe ihn noch nie gesehen.
- Siehst du die Butter, wenn du Milch anschaust?
- Bitte?
- Nein, du siehst nur die Milch, aber mit der Milch macht man Butter. Die Butter ist also schon in der Milch enthalten. Mit Gott ist es gleich, wir sehen ihn nicht, aber er ist in der Welt gegenwärtig. Das sagt Radha aus Delhi zu mir, während sie in ihrer Küche parantha – indisches Fladenbrot – zubereitet, das ich später kosten darf… Dass man Gott in einem Glas Milch sehen kann, war mir neu. Das ist interessant, aber ich werde trotzdem nicht konvertieren, schon gar nicht zum Hinduismus – ich hätte zu viel Angst vor Kali… Außerdem kann man gar nicht zum Hinduismus konvertieren. Man wird als Hindu geboren und bleibt es. Deswegen verurteilen extremistische hinduistische Gruppen es auch aufs schärfste, wenn ein Hindu – zum Beispiel zum Christentum – konvertiert.
Randha ist Hinduistin. Sie beginnt jeden Tag mit einem Gebet vor ihren Statuen und Heiligenbildern. Dann bereitet sie sich einen Tee zu… mit Milch. Aber zu welchem Gott betet sie? Im Hinduismus gibt es so viele Götter! Mehrere Millionen, 33 Millionen habe ich einmal gelesen (wobei ich nicht weiß, wer sie gezählt hat). Es gibt die bekannten, zu denen man regelmäßig betet, wie Ganesh, Hanuman, Krishna, Shiva oder Vishnu. Jeder Hindu hat seinen Lieblingsgott; eigentlich ist der Hinduismus viel weniger polytheistisch als man bei dieser Masse an Gottheiten glauben mag.
- Egal, ob man zu Durga, Shiva oder Krishna betet, alle diese Gottheiten sind der Weg zum einzigen Schöpfer.
Ein einziger Schöpfer? Dann ist der Hinduismus also eine monotheistische Religion? Diese Frage zu stellen ist müßig, und in Indien stellt sie auch keiner.
- Schau dir diesen Ventilator an der Decke an.
Das sagt Tapas zu mir, der Wächter des guest-house in Kalkutta, in dem ich wohne. Wenn ich abends zurückkomme, unterhalte ich mich gerne mit ihm. Zuerst auf der Schwelle vor meiner Zimmertür, dann – etwas gemütlicher – an einem Tisch… wenn die Unterhaltung länger dauert. An zwei Abenden dauerte sie bis tief in die Nacht hinein.
- Er dreht sich.
- Bis zum nächsten Stromausfall…
- Weißt du, warum er sich dreht?
- Weil man auf einen Knopf drückt und der Strom fließt.
- Für mich ist Gott wie dieser Ventilator.
- Ein potentielles Opfer von Stromausfällen?…
Den letzten Satz habe ich nicht gesagt, aber gedacht. Mit sarkastischem Humor erntet man in Indien eher Unverständnis als ein Lächeln, vor allem, wenn es um religiöse Themen geht… Bei anderen Themen aber halte ich mich nicht zurück; meine armseliger Gag über den „vegetarischen Tee“ hat in Indien schon die Runde gemacht… auch Ihnen erzähle ich ihn gerne… wenn mich mindestens fünf User unter Ihnen in den Kommentaren im Blog darum bitten… - In diesem Ventilator ist ein Motor, der ihn antreibt. Genauso ist in mir eine Kraft, die mich antreibt, und diese Kraft ist Gott.
- Betest du zu Gott?
- Jeden Morgen um halb fünf, wenn ich aufstehe.
- Was sagst du ihm?
- Ich danke ihm dafür, dass ich lebe, für das Gespräch am Vorabend mit dir, dafür, dass ich Eltern habe, dass ich gesund bin, eine Arbeit habe, dafür, dass ich zwei Arme und zwei Beine habe.
- Und wenn du morgen deine Eltern verlierst, deine Beine, deine Arme und deine Arbeit, was sagst du ihm dann?
- Was bringt es, über die Zukunft nachzudenken? Denkst du dir: morgen nehme ich nicht den Bus, denn er könnte einen Unfall haben? Nein. Also, warum soll man darüber nachdenken? Egal, was passiert, es gibt immer einen guten Grund, um Gott zu danken.
Am Ende eines Interviews oder eine Gesprächs im Rahmen meiner Reportagen, frage ich meine Gesprächspartner immer nach ihrem Glauben. Die Antworten sind nie „dogmatisch“. Keiner verweist mich auf irgendwelche Texte, Hierarchien oder Benimmregeln. Gott, das ist die innere Kraft, der Motor, Gott ist einfach alles. Die Beziehung der Hindus zu ihrem Gott / ihren Göttern ist eine persönliche, ein Priester, Pastor oder Imam ist dabei überflüssig. Seit dem Beginn dieser Reise habe ich jeden Vergleich zwischen Frankreich und Indien vermieden. Reisen und vergleichen, das passt nicht zusammen. Ein Vergleich führt zwangsläufig zu Kritik. Aber jetzt wage ich es doch einmal: ich will den Hinduismus nicht verherrlichen – es reicht mir, wenn ich an Kali denke! – aber ich beginne doch, meine eigenen religiösen Wurzen zu hinterfragen. Woher und warum hat das Christentum all diese ungeheuerlichen und unheimlichen Geschichten über Pflichten, Normen, Sünden, Verdammnis?
Wo soll man den wohlwollenden Gott finden, in dieser nicht enden wollenden Aufzählung von Regeln, deren Missachtung zur Hölle oder zum Fegefeuer führt? Ich weiß es nicht. Genau so wenig wie ich weiß, ob es diesen Gott der Butter und der Ventilatoren gibt, den ich gerne kennen lernen würde. Wieder einmal wirft Indien mehr Fragen auf, als ich Antworten finde… Ob er nun existiert oder nicht… ist Gott wirklich das Wichtigste?















Am 17. Juli 2009 um 12:28 Uhr.
erzähl uns den witz
bitte
Am 25. Juli 2009 um 13:04 Uhr.
Salut Nikol,
Pour toi et rien que pour toi, voici la pitoyable blague que je répète en Inde et que personne d’autre que moi ne comprend…
Certes, j’avais dit que la raconterai seulement en échange de 5 demandes d’internaute, mais avec ton charme, la beauté de tes yeux et l’éclat de ton sourire, tu vaux 5 internautes à toi seule (au fait Nikol, en Allemagne, c’est bien un prénom féminin ?).
C’est une lamentable histoire de thé végétarien.
Les Indiens me déroutent assez souvent pour que je m’octroie parfois le droit de les dérouter à mon tour, aussi lorsqu’on me propose du thé - proposition incontournable en Inde - je réponds toujours :
“désolé je ne bois pas de thé car je suis végétarien”.
A la surprise de mon interlocuteur s’en suit sa démonstration pour me prouver qu’en Inde, le thé est strictement végétarien “on y mêle jamais de viande, d’oeuf ou de poisson.”
Quand j’estime avoir reçu des explications suffisamment convaincantes, je finis par accepter le thé, pas mécontent d’avoir ainsi intrigué mon interlocuteur.
Voilà c’est tout, la même plaisanterie peut se décliner avec l’eau, le café ou la bière…
A mon retour en France, j’essaierai dans un restau avec un verre de rouge… pas sûr que cela déclenche l’hilarité du serveur…
Am 31. Juli 2009 um 04:22 Uhr.
Wir bitten um den Witz!